Abenteuer SIETAR-Mentoring: Gemeinsam auf Schatzsuche

 

 

Wie haben wir das SIETAR-Mentoring erlebt und was wollen wir anderen aus dieser Erfahrung mitgeben?

Wir, das sind Wiebke Homborg (Mentée), Chameleon, und Sabine Horst (Mentorin), QuinteSentio. Aus der Reflexion unserer persönlichen Erfahrungen während des gemeinsamen Jahres ist eine Geschichte entstanden. Unsere Geschichte, mit der wir uns nun auch aus den Rollen, die wir hinter uns lassen, verabschieden. Wir haben diese als eine Helden-Geschichte erlebt, mit der wir nun auch für das Programm werben wollen. Denn wir haben das Mentoring als eine sehr bereichernde SIETAR-Initiative erlebt, aus der wir beide dankbar viel in unsere Zukunft mitnehmen. Dieses Erleben wünschen wir vielen anderen auch.

 

Wie alles begann

Wiebke fand sich als frisch gebackene interkulturelle Trainerin und SIETAR-Mitglied in einem Wechselbad an Gefühlen. Sie hatte sich zu einer professionellen Weiterbildung aus dem Wunsch heraus entschlossen, ihre internationale Berufs- und Lebenserfahrung gestützt auf ihren biografischen Wurzeln als Third Culture Kid zu professionalisieren. Und so waren da ihr Rucksack voller Qualifikationen und Erfahrungen, der berechtigte Stolz auf die abgeschlossene Weiterbildung und die Begeisterung, damit gleich loszulegen. Diesem Gefühl der inneren Stärke und Motivation folgte jedoch mit verlässlicher Regelmäßigkeit eine Orientierungslosigkeit: Wie soll sie sich auf diesem unübersichtlichen Markt zurechtfinden? Die Akquise erwies sich mühsamer als erwartet und Wiebke wünschte sich jemanden zur Hilfe, ihre Energie in lohnende Bahnen zu lenken. Das Angebot eines Mentoring über SIETAR kam für sie daher genau zum richtigen Zeitpunkt.

So begegnete sie Sabine – virtuell, da Wiebke in Hannover lebt und Sabine in Stuttgart. Sabine ist seit mehr als 25 Jahren in der internationalen Personal- und Führungskräfteentwicklung tätig. Seit vielen Jahren bei SIETAR engagiert, sehr positiv Mentoring-erfahren und grundsätzlich immer neugierig, offen und an Austausch, Weiterentwicklung und neuen Begegnungen interessiert, war sie gleich angetan von dem neuen SIETAR-Engagement.

Was wie von Zauberhand erscheint, erfordert viel Know-how und Gespür: das Matching der Kandidaten. Und bei uns beiden hat es gleich auf der richtigen Wellenlänge „gefunkt“. Eine wichtige Voraussetzung für ein erfolgversprechendes Mentoring war erfüllt: die Chemie stimmte! Und so machten wir uns gemeinsam auf den Weg, klärten Erwartungen, Wünsche, Hoffnungen und einen formalen Rahmen. Eine schriftliche Vereinbarung von SIETAR besiegelte unsere Absprachen. Ein wichtiges Ritual für eine professionelle Beziehungsgestaltung. Monatlich trafen wir uns von da ab per Skype.

 

Überwindungen und Hürden

Also noch weitere Termine im Kalender … Da sind auf der einen Seite Lust, Überzeugung, etwas Wichtiges zu tun, Freude auf die neue Wegbegleiterin, auf neue Erlebnisse und Erfahrungen – und auf der anderen Seite der gut gefüllte Kalender. So bestand eine von Sabines Herausforderungen als sowohl Begleiterin und Betroffene von VUKA zunächst darin, den Raum zu schaffen. Erfolgreich! Denn uns beiden waren gleichermaßen Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, Professionalität und Loyalität ein großes Anliegen. Das erfordert, die Treffen entsprechend zu gewichten. Und so ist uns die Regelmäßigkeit mit nur wenigen Ausnahmen von Terminverschiebungen gelungen. Ein wichtiger Erfolgsfaktor für den Aufbau einer vertrauensvollen Zusammenarbeit auf Augenhöhe und Gewährleistung einer persönlichen Entwicklung. Ebenso hatten wir immer konkrete Themen und Fragen, so dass wir uns in jedem Treffen ergebnis- und zielorientiert austauschen konnten. Manchmal ging es uns beiden aber auch nur darum, mal Dampf abzulassen.

Wenn man sich so sehr mit dem identifiziert, was man tut, wie wir und viele andere unserer Kolleginnen und Kollegen, dann geht es in einem Mentoring nicht nur um Fachliches, um Strategien, sondern auch um Emotionen. Da gilt es, das ein oder andere auch einfach gemeinsam auszuhalten. Dazusein, auch wenn keine konkrete Lösung – noch nicht einmal ein Ansatz – sichtbar wird. Für Sabine war es eine Herausforderung, Wiebke zu ermutigen, auf ihre starken inneren Stimmen zu hören, auch wenn die scheinbare Vernunft manchmal einen anderen Weg gewählt hätte. Die Zeiten waren „früher“ doch anders … Was ist aus ihrer Geschichte wirklich hilfreich? Sabine hat über die Zeit hier eine große Gelassenheit entwickelt in dem Erlebnis, dass Wiebke ihren eigenen Weg gestaltet und durchaus auch andere Meinungen und Einschätzungen vertrat. Hier entwickelte sich ein großes Vertrauen zwischen uns beiden.

Wiebke war immer schon mit einem hohen Anspruch an sich selbst unterwegs, was manchmal auch als Ursache für Blockaden, für Unsicherheiten und mangelndes Selbstvertrauen wirkt. Die innere Kritikerin brauchte eine gute Rolle im inneren Team und hat sie im Laufe des Mentoring noch besser als positive Antreiberin und Qualitätssicherer gefunden. “Progress not perfection“ ist Wiebkes Leitsatz geworden, um die Kritikerin im Sinne eines „growth mindset“ immer wieder stimmig zu positionieren.

Sabine hat viel mitgenommen aus Wiebkes überzeugenden, tollen Ideen, ihrer Kreativität und Offenheit neuen Medien gegenüber und ihrer Art, die Dinge offensiv, aktiv und sehr fundiert anzugehen. So entstanden für beide co-kreativ neue Ideen, Lösungswege und Netzwerke. Ein wichtiger Aspekt war hierbei das interdisziplinäre Denken. Die Perspektiven zu erweitern statt mit der inneren Kritikerin zu begrenzen. Hier haben wir beide sehr von unseren unterschiedlichen Lebens- und Berufswegen und persönlichen und beruflichen Entwicklungen profitiert. Es war auch sehr spannend für uns zu sehen, warum die andere welche Entscheidungen für Weichenstellungen getroffen hat. In dieser Ideen-Entwicklung zu neuen Formaten, der Einbindung von Social Media, Vernetzung mit Experten aus anderen Disziplinen wie Coaching, Mindfulness in Organisationen etc. entstanden neue Ansätze zur Positionierung von interkultureller Kompetenz im Angebot als Trainer/-in und Coach.

 

Wofür hat sich das alles gelohnt?

Die Fragen: Welche Aufträge und Kunden möchte ich anziehen? Was will ich und was nicht? und weitere Fragen, die sich hieran anschließen, beschäftigen uns vermutlich ein Berufsleben lang.
Wiebke empfand, dass sie aus dem gemeinsamen Weg den Mut mitgenommen hat, mehr Authentizität zu wagen und ihren individuellen Weg weiter zu gehen. Sie entwickelte ebenso den Mut, sich für eine Coaching-Ausbildung zu entscheiden und damit einen langgehegten Wunsch in die Tat umzusetzen. In ihr wuchs mehr Sebstbewusstsein für ihre Einzigartigkeit, die in ihrer spannenden, persönlichen Historie liegt, einen wertvollen Beitrag zu interkulturellen Themen und Coaching leisten zu können. Diese Themen und die intensive Arbeit daran waren auch für Sabine sehr wertvoll. Denn durch die Fragen und Anliegen Wiebkes half es auch ihr, nochmals bewusst Dinge zu hinterfragen, die zur Selbstverständlichkeit geworden waren, Erfahrungen und Ressourcen zu wertschätzen, Entscheidungen zu treffen und an der ein oder anderen Stelle ihre Aktivitäten zu fokussieren.

 

Was hat uns geholfen, Herausforderungen zu meistern?

Wiebke findet, dass der innere Drang zu Veränderung und Wachstum ihr geholfen hat, die Herausforderungen, die sich ihr über das Jahr gestellt haben, zu meistern. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung und Sinnhaftigkeit. Die Leidenschaft für Menschen und interkulturelle Themen. Die Zuversicht, dass sie es schon irgendwie schaffen wird. Abenteuerlust, Ehrgeiz! Sie stellt resümierend fest, dass sie in der Mentoring-Beziehung und durch das, was sich daraus ergeben hat, viel dazu gelernt hat. Und wie geht es Sabine? All das, was Wiebke beschreibt, kann sie 1:1 übernehmen: ein Beweis dafür, dass unser Matching perfekt war! Sinnhaftigkeit, Verstehbarkeit und Handhabbarkeit finden sich als Bedürfnisse in Wiebkes Reflexion wieder, die grundlegende Werteorientierung und Leitsätze für Sabines berufliches Handeln orientiert an der Salutogenese.

 

Keine Heldengeschichte ohne Prüfungen und Gegenspieler

Schwierige Auftragslagen, pessimistische Konjunkturaussichten, Umgang mit Kritik, das Gefühl, nicht dazuzugehören, Selbstdisziplin für die Erledigung bürokratische Dinge, Vereinbarkeit von Beruf und Familie – das ist eine Menge, was Wiebke zu bewältigen hatte und immer noch in Teilen hat. Herausforderungen, mit denen sie nicht alleine ist. Sich offen diesen Herausforderungen zu stellen, sie aktiv anzugehen und sich selbst zu reflektieren, ist eine wichtige Fähigkeit. Auch das Erlebnis, dass viele – aber nicht alle – im beruflichen und privaten Umfeld wohlgesonnen sind. So erlebte Wiebke u.a. auch ablehnendes Konkurrenzverhalten, wo sie selbst Möglichkeiten für Synergien wahrgenommen hat. Diese Erfahrung teilt auch Sabine. Und so bedauern wir beide die nicht genutzten Potenziale und fokussieren uns auf Menschen und Organisationen, die ihren Weg mit uns gehen wollen.

 

Was nehmen wir mit in die Zukunft?

Am Ende eines Jahres mit vielen Erlebnissen, Veränderungen und Entwicklungen fühlt Wiebke sich darin bestätigt und gestärkt, den richtigen Beruf gefunden zu haben. Sie erlebt dies als erfüllend, befreiend und beflügelnd. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt eine Herausforderung. Zu deren Bewältigung ist es ihr wichtig, immer im Gespräch mit ihrem Mann und den Kindern zu bleiben. Denn ihre Familie spürt ihre Leidenschaft und den Drang zur Veränderung und unterstützt sie in dem, was sie tut. Das ist ein wahrer Schatz! Hierfür war es wichtig, organisatorische Rahmenbedingungen zu ändern und familiäre Aufgaben anders zu verteilen. Die Coach-Ausbildung stellt eine zusätzliche Anstrengung dar, ist aber bereits zur Hälfte geschafft und die Learnings empfindet sie als unendlich kostbar. Ihre Familie hat sich an ihre Selbstständigkeit gewöhnt und ist sogar ziemlich stolz auf sie. Genau wie sie selbst!

„Um diesen Schatz zu behalten, werde ich weiter auf innere Balance achten, regelmäßig Sport treiben, Arbeit und Familie besser abgrenzen und hoffentlich nie die Neugier und den Drang zu Wachsen verlieren!“ so Wiebkes Vorsätze für die Zukunft. Und rückblickend auf das Mentoring stellt sie fest: „Ich habe eine neue Kollegin und Freundin gefunden.“ Dem hat Sabine nichts mehr hinzufügen.

Und voller Dankbarkeit an SIETAR und namentlich Christiena Kirchhoff und Gary Thomas beginnt mit diesem Ende unsere neue Geschichte…

 

Wiebke Homborg, Chameleon, www.chameleon-coaching.com
Dr. Sabine Horst, QuinteSentio, www.quintesentio.de

 

MEHR ZUM MENTORING PROGRAMM

Ein Rückblick mit Perspektive: Dr. Nilüfer Boysan-Dietrich über den “Unconscious Bias”-Workshop von Robert Gibson

“Diversity is a fact, inclusion is a choice” (Justin Trudeau)

Am 10 November diesen Jahres sind ca. 30 Mitglieder und Freunde von SIETAR, zusammengekommen, um an dem Workshop „Unconscious Bias“ (dt.. etwa Unbewusste Voreinstellungen*) teilzunehmen und ihr Bewusstsein in diesem Feld zu erweitern.
Der Leiter des Seminars, Robert Gibson, ein bekannter Trainer, Interkulturalist und Buchautor, führte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit viel Charme, Humor und einer leicht zugänglichen Sprache in das komplexe Thema ein. Das Seminar war nicht nur sehr gut strukturiert – Gibson überzeugte dabei auch selbst als lebendiges und vorangehendes Beispiel für Interkulturalität und Inklusion.
„Unconscious Biases“ , auch manchmal als blinde Flecken bezeichnet, werden durch persönliche Erfahrungen und Hintergründe erzeugt und verstärkt. Sie beeinflussen unsere Gedanken, Emotionen und unser Verhalten. Sie befinden sich meist implizit in unserem Unterbewusstsein und sind nicht selten inkompatibel mit unseren bewussten Wertevorstellungen. Wann immer wir in einer Reaktion auf das fast brain (Kahnemann) zurückgreifen, landen wir leicht in diesem Denkmodus, in dem uns nicht bewusst ist, dass wir gar nicht gedacht haben, sondern dass unser Gehirn wie bei einem Shortcut auf eine unbewusste Voreinstellung zugegriffen hat.
Doch nicht nur, weil es ganz nett ist, sich seiner Voreinstellungen bewusster zu sein, sondern vor allem, weil Entscheidungsprozesse in der Wirtschaft konstruktiver und besser werden können, erfreut sich das Thema „Unconscious Bias“ wachsender Beachtung in der Wirtschaftswelt.
Praktisch heißt das, so Gibson, dass es zunächst darauf an kommt, zu wissen wer man selbst ist. Dann geht es darum, den Unterschied bewusst-unbewusst zu verstehen, sein Verhalten zu korrigieren, und sich schließlich dafür einzusetzen, den eigenen Lernprozess an andere weiterzugeben.
Im Endeffekt können unbewusste Vorurteile nicht einfach „gelöscht“ werden, wir können uns ihrer jedoch bewusst werden. Nach Gibson ist es extrem schwierig, tief verwurzelte Vorurteile bei Einzelpersonen zu ändern – der wirkliche Impact, also echte Wirkung entsteht vor allem dann, wenn Vorurteile auf der Ebene der Organisationen adressiert werden; wenn es gelingt, Strukturen kritisch zu betrachten und sicher zu stellen, dass Negativeffekte möglichst begrenzt werden können.
Der Workshop dauerte leider nur einen Tag. Um noch mehr Einblick in das Themenfeld zu bekommen und sich intensiver dazu austauschen zu können, wäre es gut, an diesem Thema dranzubleiben und zum Beispiel Erfahrungen von Praktikern, wie Coaches und Therapeuten, miteinzubeziehen, die auf der persönlichen Ebene mit Voreinstellungen und blinden Flecken arbeiten.
Das könnte eine anspruchsvolle und lohnende Fortführung sein, um weiter Licht ins Dunkel des „Unconscious Bias“ zu bringen.

von Nilüfer Boysan-Dietrich
(ins Deutsche übersetzt von Jonas Keil/Antje Boijens)
*(Anm. der Autorin: Die deutsche Übersetzung des Begriffs “unconscious bias” ist leider etwas holprig, vielleicht würde sich auch “Unbewusste Vormeinungen” eignen – es bleibt abzuwarten, welcher Ausdruck sich durchsetzen wird)